11 Mai 2026
Von Kleiderschrankdaten zum Systemwandel: Wie COSH! ein europäisches Modeforschungsprojekt im Wert von 2,2 Millionen Euro vorantreibt
- Erweiterte Herstellerhaftung
- Wiederverwendung
- Reduzierung
Wer stellt unsere Kleidung her? Wie wird sie produziert? Und warum werden die meisten unserer Kleidungsstücke im Globalen Süden gefertigt?
Die Modeindustrie ist ein milliardenschweres globales Unternehmen, dessen Ziel es ist, so viele Kleidungsstücke wie möglich herzustellen und zu verkaufen. Das bedeutet auch, dass diese Industrie nur innerhalb eines kapitalistischen Systems existieren kann, das überwiegend auf der Ausbeutung von Frauen, Kindern und Männern im Globalen Süden basiert.
Ähnlich wie während der Kolonialzeit (bei der eine Nation eine andere unterwirft, ihre Bevölkerung erobert und ausbeutet, oft während sie ihr eigene Sprache und kulturelle Werte aufzwingt) nutzen Marken, größtenteils aus dem Globalen Norden, ihre wirtschaftliche Macht und ihren Einfluss, um die Bevölkerung in Ländern wie Indien, China oder Bangladesch auszubeuten. Diese Länder werden gezielt wegen ihrer massenproduktionsfähigen Infrastruktur, fehlender Arbeitsgesetze und schwacher Gewerkschaften ausgewählt. Die Fast-Fashion-Industrie gründet sich heute auf der Ausbeutung von Arbeitskräften und Ressourcen aus dem Globalen Süden. Einige Marken haben in diesen Ländern die Oberhand. Sie verfügen über enorme wirtschaftliche Macht, mit der viele Staaten nicht mithalten können.
Dekolonisierung bezeichnet den Prozess, durch den Kolonien unabhängig vom kolonisierenden Land werden. Dieser Prozess muss sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden beginnen, wird aber Zeit brauchen. Was können wir also in der Zwischenzeit tun?
Als Verbraucher:innen sollten wir uns zunächst fragen, wer unsere Kleidung hergestellt hat. Die Bekleidungsindustrie beschäftigt etwa 60 Millionen Arbeitnehmende, von denen 80 % Frauen sind. In China sind es mehr als 70 %, in Bangladesch 85 % und in Kambodscha sogar 90 %. Sie arbeiten unter prekären Bedingungen, ohne Krankenversicherung oder soziale Absicherung. Aber warum sind die weitaus meisten Beschäftigten in der Textilindustrie Frauen? Diese Frage stellte Jeanine Glöyer, Gründerin und CEO des Labels Jyoti-Fair Works, bei ihrer TED-Konferenz. Laut ihr wandten sich Industrien im Zuge des in den 1970er Jahren aufkommenden neoliberalen Kapitalismus an ausbeutbare Arbeitskräfte, um ihre Produktionskosten zu senken. Leider glaubten Frauen in diesen Ländern, dass sie aufgrund mangelnder Qualifikation und fehlender Bildung nicht in der Position seien, höhere Löhne zu fordern.
Darüber hinaus sind sie in den Fabriken sexuellem und psychologischem Missbrauch ausgesetzt. „Die meisten weiblichen Arbeitnehmerinnen sehen die Bekleidungsindustrie nicht als menschlich nachhaltigen Lebensunterhalt an, und nur wenige bleiben länger als fünf Jahre in der Branche, aufgrund von Berufsrisiken, nicht tragbaren Arbeitszeiten und der Vorliebe der Vorgesetzten, junge Frauen und Neueinstellungen zu bevorzugen, da diese weniger beschäftigungsbedingte Verletzungen aufweisen und keine Rentenzulagen erhalten.” Die meisten Näher:innen leben auf dem Land und müssen ihre Fahrtkosten selbst tragen. Sie haben keine Ersparnisse und sind durch ihre Arbeit verschuldet.
Auf internationaler Ebene haben sich die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie seit dem Auslaufen des Multifaserabkommens im Jahr 2005, das schnellere Produktion und niedrigere Preise ermöglichte, weiter verschlechtert. Staaten, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Menschenrechtsverträge und Zertifizierungen können Arbeitsbedingungen beeinflussen, doch die Umsetzung verläuft zu langsam. ILO-Standards und Menschenrechtsverträge verfügen über keine wirksamen Durchsetzungsmechanismen. Wir sind der Überzeugung, dass Staaten mehr verbindliche Verträge ratifizieren sollten, insbesondere das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW).
Wir glauben, dass Verbraucher:innen die Macht haben, das System zu beeinflussen. Wenn du nachhaltigere Marken wählst, sendest du Fast-Fashion-Marken das Signal, dass du diese Unterdrückung nicht unterstützt. Wie wir sehen können, sind wir ganz klar nicht die „eigentlichen” Modeopfer.
Der Mainstream-Feminismus, auch bürgerlicher Feminismus genannt, ist überwiegend weiß geprägt und heute am stärksten vertreten. Diese Form des Feminismus ist daher nicht inklusiv. Für Angela Davis, afroamerikanische politische Aktivistin und Autorin, ist Intersektionalität das Kernmerkmal des heutigen Feminismus. Intersektionalität „ist ein Konzept, das eine Person, eine Gruppe von Menschen oder ein soziales Problem als von mehreren Diskriminierungen und Benachteiligungen betroffen betrachtet. Es berücksichtigt die sich überschneidenden Identitäten und Erfahrungen der Menschen, um die Komplexität der Vorurteile zu verstehen, mit denen sie konfrontiert sind.”
Der Mainstream-Feminismus ist damit für arme Frauen, Arbeiterinnnen, Frauen of Color, Trans-Frauen und Trans-Frauen of Color irrelevant. „Befreiung muss Befreiung für alle sein.” Françoise Vergès, Aktivistin und Politikwissenschaftlerin, stimmt dem zu. In ihrem Buch „Un féminisme décolonial” zeigt sie auf, dass „das komfortable Leben von Frauen aus dem Bürgertum weltweit nur möglich ist, weil Millionen von rassifizierten und ausgebeuteten Frauen diesen Komfort aufrechterhalten, indem sie ihre Kleidung nähen, ihre Häuser und Büros reinigen und sich um ihre Kinder kümmern”. Der Mainstream-Feminismus ist für reiche Frauen im Globalen Norden konzipiert. So haben Frauen im Globalen Norden zum Beispiel für das Recht auf Arbeit gekämpft, während Frauen im Globalen Süden nie aufgehört haben zu arbeiten. Wenn wir im Globalen Norden Kleidung von Fast-Fashion-Marken kaufen, profitieren wir von der Ausbeutung von Frauen aus dem Globalen Süden. Deshalb sollten wir diese „We Should All Be Feminists”-T-Shirts definitiv ablegen und uns in dieser Angelegenheit weiterbilden. Von der Herstellung bis zur Vermarktung werden Frauenkörper in der Textilindustrie instrumentalisiert. Es ist Zeit, das Narrativ zu ändern und bewusster zu werden, wer unsere Kleidung herstellt.
Die Fast-Fashion-Industrie schafft einen ständigen Bedarf an neuer Kleidung und ignoriert dabei das Leid der Frauen im Globalen Süden. Bei COSH! möchten wir unser Wissen teilen, um dir zu helfen, weniger und bewusster einzukaufen. Wir arbeiten mit Marken und Geschäften zusammen, die tiefe Verbindungen zu den Menschen pflegen, die die Kleidung und die Materialien produzieren. Alle Marken auf COSH! setzen sich für eine ehrlichere Fertigungsindustrie ein, die gute Arbeitsbedingungen für Frauen, eine kurze Lieferkette (die das Risiko von Missbräuchen verringern kann) und Transparenz umfasst. Wir bieten dir viele nachhaltigere Alternativen. Entdecke Marken, die zu deinem Stil und Budget passen, mit unserem Marken-Checker.
Lovjoi
Wenn wir von Transparenz sprechen: Verena, die Gründerin der Marke Lovjoi, betreibt ihre Nähwerkstätten in Schwaben, Süddeutschland. Sie arbeitet mit hochqualifizierten Näher:innen zusammen, die als Geflüchtete aus Aleppo und Damaskus kamen, und unterstützt sie auch bei der europäischen Registrierung.
J‑Label
Die Marke J‑Label wurde von Janneke und Judith gegründet, zwei niederländischen Frauen mit einer Leidenschaft für Mode und Natur. Auf ihrer Website ist zu sehen, dass die Produktion in Fabriken in Indien stattfindet, die nach GOTS und SA 8000 zertifiziert sind, wodurch gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne gesichert werden.
Go As U R
Go As U R ist eine Kosmetikmarke, die von der beeindruckenden Unternehmerin Annelies Lambert gegründet wurde. Die Formeln werden lokal, in einem belgischen Labor, nach europäischen Arbeitsgesetzen entwickelt, was eine kurze Lieferkette bedeutet. Zudem investiert die Marke bei jedem Kauf 1 Euro in Projekte, die Frauen weltweit unterstützen. Go As U R arbeitet mit Women’s WorldWideWeb zusammen, einer Organisation, die Mädchen und Frauen in verschiedenen Bereichen stärkt: Bildung, Vernetzung, Mikrofinanzierung, Zugang zu erweiterter Informationstechnologie (ITX) und E‑Mentoring.
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