1 Dezember 2025
Wie soziale Verantwortung die Modebranche verändert
- Diversität
Falsche Versprechen, kulturelle Aneignung, Ausbeutung und kuriose Partnerschaften: Diese Fälle haben 2025 für Diskussionen gesorgt.
Falsche Versprechen. Kulturelle Aneignung. Ausbeutung. Kuriose Partnerschaften. Was steckt wirklich hinter großen Worten in Anzeigen, hinter Herkunftslabels, hinter dem Versprechen von „nachhaltiger”, „grüner“, „fairer“? Und wer bleibt unsichtbar? Wir haben einige der Skandale aus 2025 für dich zusammengestellt.
1. NIKE, SUPERDRY, LACOSTE
Schon mal eine Google-Anzeige gesehen, die Nachhaltigkeit verspricht, aber nicht erklärt, was genau dahintersteckt? Nike bewarb Tennis-Poloshirts mit „nachhaltigen Materialien“, Superdry lockte mit „nachhaltigem Style“ und Lacoste warb mit „nachhaltiger Kinderbekleidung“ ohne die Behauptungen in den Anzeigen ausreichend zu konkretisieren oder zu belegen. Ein klarer Fall von Irreführung, Unklarheit und das Risiko von Greenwashing. Der Skandal um die in Großbritannien verbotenen Anzeigen von Nike, Superdry und Lacoste wurde im Dezember öffentlich. In allen drei Fällen fehlten laut Advertising Standards Authority zusätzliche Informationen, die den Begriff „nachhaltig“ einordnen, sowie belastbare Nachweise für die behaupteten Umweltvorteile auch mit Blick auf den gesamten Lebenszyklus der Produkte. Die ASA stufte die Aussagen als „absolute Claims” ein, die eine besonders hohe Beleglast erfordern, und wies die Unternehmen an, zukünftige Nachhaltigkeitsbehauptungen eindeutig zu formulieren und entsprechend zu untermauern.
2. DIOR
Wenn ein kulturelles Handwerk als Luxusmerkmal vermarktet wird, aber die Menschen dahinter ungenannt bleiben, geht es um fehlende Anerkennung, fehlende Transparenz und ein Machtgefälle.
Der Skandal um Diors 200.000-Dollar-Mantel entzündete sich im Sommer 2025, als das Luxushaus bei einer Pariser Modenschau ein aufwendig besticktes Stück präsentierte, ohne die indischen Ursprünge oder die Kunsthandwerker:innen aus Lucknow zu erwähnen, die diesen Mantal hergestellt hatten. Das Kleidungsstück war mit Mukaish-Stickerei verziert, einer jahrhundertealten Technik, bei der feine Metallfäden in Stoffe eingearbeitet werden. Laut mehreren Berichten arbeiteten zwölf Kunsthandwerker insgesamt 34 Tage an dem Mantel.
Während Luxusmarken enorme Summen mit solchen Designs verdienen, kämpfen die traditionellen Kunsthandwerker:innen in Indien oft ums Überleben. Der Dior-Mantel steht damit sinnbildlich für das Ungleichgewicht zwischen globalem Luxusgeschäft und lokaler Handwerkskultur.
Lies hier mehr darüber, wie ausbeuterische Fast Fashion das kulturelle Erbe gefährdet.
3. PRADA
Ähnlich wie bei Dior, hat Prada Kolhapuri-ähnliche Sandalen ohne kulturelle Einordnung verkauft, weshalb dem Unternehmen vorgeworfen wurde, sich kultureller Aneignung schuldig zu machen: Das Unternehmen profitiert vom kulturellen Erbe anderer Länder, ohne den Ursprung anzuerkennen oder den beteiligten Handwerker:innen Anerkennung und finanzielle Wertschätzung zukommen zu lassen.
4. ZEEMAN
Diamanten für unter 30€? Zeeman hat dieses Jahr Anhänger mit Lab-Grown Diamanten für 29,99 € angeboten. Der Preis wurde durch Großproduktion, Direkteinkauf und den Verzicht auf Zwischenhändler erklärt, aber wofür bezahle ich als Kund:in und welche Teile der Wertschöpfung bleiben unsichtbar? Was in dieser Erklärung fehlt, sind zentrale Rahmenbedingungen der Herstellung: In welchen Laboren werden die Steine gezüchtet? Welche Art von Strom kommt dabei zum Einsatz? Wo erfolgt der Schliff, welche Transportwege entstehen und gibt es Nachweise zur sozialen und ökologischen Sorgfalt entlang der Lieferkette? Lab-Grown Diamanten sind nicht automatisch die emissionsärmere Wahl im Vergleich zu konventionellen Diamanten: Die Produktion ist energieintensiv, weil Hochdruck- und Hochtemperaturbedingungen technisch nachgebildet werden. Zwar entfällt in vielen Fällen der direkte Eingriff in lokale Ökosysteme durch Bergbau, indirekte Effekte, etwa über die Energieerzeugung, bleiben jedoch relevant. Entscheidend ist außerdem der Produktionskontext: Lab-Grown Diamanten werden häufig in China oder Indien hergestellt, und selbst bei europäischer Züchtung findet der Schliff oft außerhalb Europas statt. Lies hier mehr über Lab-Grown Diamanten.
5. BPOST
Billigimporte in riesigen Mengen, die an der EU-Grenze kaum gründlich zu kontrollieren sind vs. europäische Händler:innen, die unter Druck geraten. Das belgische Postunternehmen bpost hat Ende November ein Abkommen mit dem chinesischen E‑Commerce-Verkaufsportal Temu geschlossen, um die bestehende Zusammenarbeit in Belgien und Kanada auszubaue. Das Abkommen beinhaltet Tests neuer Liefermodelle und den Ausbau von Abhol- und Abgabepunkten sowie logistischer Lösungen für Temus Aktivitäten in Europa. bpost stärkt damit indirekt eine Plattform, die für viele lokale Händler:innen ein direkter Konkurrent ist. Das Abkommen macht Temu in Europa noch schneller und bequemer und baut genau damit den Preis- und Komfortvorteil weiter aus, der Kaufkraft vom lokalen Handel abzieht.
Auf EU-Ebene werden aktuell Maßnahmen gegen die Paketfluten diskutiert. Ab dem 1. Juli 2026 soll für Kleinsendungen unter 150 € aus Nicht-EU-Ländern eine pauschale Abgabe von mindestens 3 € pro Paket gelten. Eine ausgeweitete Logistikpartnerschaft wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Schritt, der solche Plattformen trotzdem noch reibungsloser nach Europa bringt.
6. GESUNDHEITSSCHÄDLICHER SCHMUCK
3 von 10 getesteten Armbändern, Ohrringen und Ketten wiesen zu hohe Werte an Blei oder Cadmium auf. Das wurde bei Kontrollen der Föderalen Umweltinspektion (Federale Milieu-Inspectie) an Sendungen, die aus Asien (u. a. über chinesische Online-Plattformen) nach Belgien eingeführt wurden, festgestellt. In Belgien wurde im Oktober deshalb über strengere Kontrollen von sehr günstigem Modeschmuck diskutiert. Kritisch wird es vor allem dann, wenn solche Teile in den Mund genommen, darauf gekaut oder verschluckt werden. Über die Haut gelangt Blei nicht in den Körper, Cadmium nur sehr begrenzt. Das Hauptrisiko betrifft daher vor allem kleine Kinder.
Wenn du Schmuck im Alltag trägst, achte besonders auf Material- und Herkunftsangaben sowie auf eine qualitativ hochwertige Verarbeitung. Auf COSH! findest du eine große Auswahl an kuratierten Schmucklabels, die nachhaltigere Ansätze verfolgen und unbedenklich zu tragen sind.
7. PRATO, ITALIEN
Was denkst du, wenn du ein „Made in Italy“-Label siehst? In der Toskana, im Textilzentrum Prato, zeigen aktuelle Ermittlungen ein überraschendes Bild: Prato ist für Italiens Industrie zentral und wird gleichzeitig immer stärker zum Knotenpunkt für Kriminalität und Ausbeutung. Der Pratoer Chefstaatsanwalt beschreibt den Ort als „kriminelle Komplexität und Gefahr“, mit Hinweisen auf Mafia-ähnliche Strukturen sowie auf Korruption zwischen lokalen Polizeikräften und Unternehmern. Die Werkstätten, die Kleidung und Accessoires für große Mode- und Luxusgruppen fertigen, stehen unter Verdacht von irregulären Arbeitskräften sowie fehlender Arbeits- und Sicherheitsstandards. Die Ermittlungen zeichnen dabei ein sehr konkretes Muster der Ausbeutung: 13-Stunden-Tage, kaum Pausen, sieben Tage die Woche, Löhne von teils nicht mehr als drei Euro pro Stunde und prekäre Sicherheitsbedingungen.
8. Adidas & Lufthansa
Ist dir schon mal eine Werbung begegnet, die Klimaneutralität verspricht? Die NGO Deutsche Umwelthilfe (DUH) gewann zwei getrennte Greenwashing-Klagen gegen Lufthansa und Adidas wegen irreführender Nachhaltigkeitsaussagen.
Hast du von Lufthansa’s „Offset Flight“-Angebot gehört? Für Kund:innen war nicht ausreichend nachvollziehbar, welche Emissionen beim konkret gebuchten Flug in welchem Umfang kompensiert werden sollten. Zudem konnte der Hinweis auf den Kauf von Sustainable Aviation Fuel den Eindruck erwecken, dass sich der zusätzliche Beitrag direkt auf den eigenen Flug bezieht. Im Fall Adidas untersagte das Landgericht Nürnberg-Fürth die Aussage, das Unternehmen werde bis 2050 klimaneutral, da konkrete Massnahmen zur Zielerreichung über 2030 hinaus fehlten. Hinweis: Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig.
Es wird deutlich, wie oft Wertschöpfung dort entsteht, wo sie kaum sichtbar ist: in Werkstätten, Lieferketten und Herkunftsgeschichten, die selten erzählt werden. Aus Behauptungen werden Beweisprobleme, aus einem Imageversprechen eine Debatte über Transparenz, Verantwortung und Glaubwürdigkeit.
Falls du dieses Jahr bewusster entscheiden willst, welches Unternehmen du mit deinem Kauf unterstützen möchtest: Auf COSH! findest du Brands, die Transparenz, fairere Produktion und verantwortungsvollere Praktiken stärker in den Fokus stellen.