12 August 2026
Wie Düsseldorf nachhaltige Mode neu denkt
- COSH! Member Publicity
- Shopping Stadtführer
- Lifestyle
Drei Menschen, drei Perspektiven: Wie Düsseldorf nachhaltige Mode neu denkt
Heiko Wunder – wunderwerk
Heiko Wunder gehört zu den Düsseldorfer Modeunternehmern, die Nachhaltigkeit nicht erst entdeckt haben, als sie zum Branchenthema wurde. Mit wunderwerk gründete er 2012 eine Marke, bei der verantwortungsvollere Produktion von Beginn an Teil des Geschäftsmodells sein sollte – ohne deshalb auf modischen Anspruch zu verzichten. Düsseldorf ist dabei nicht nur Unternehmensstandort, sondern auch Heimat: Wunder wurde hier geboren, seine Großeltern lebten mehr als 50 Jahre auf der Lorettostraße. Heute erlebt er die Stadt noch einmal neu – als Modestandort, kreativen Kiez und Ausgangspunkt für die Frage, wie glaubwürdige Nachhaltigkeit in einer schwierigen Branche funktionieren kann.
Heiko, wofür steht wunderwerk heute – und was war dir von Anfang an wichtig?
Eigentlich hat sich seit unserer Gründung gar nicht so viel verändert. Wir sind als Modemarke gestartet. Heute gibt es viele nachhaltige Marken, die tolle Mode machen, bei der man diesen klassischen ‚Öko-Faktor‘ überhaupt nicht mehr sieht. Damals war das noch schwieriger, aber genau das war von Anfang an unser Ansatz: Zeitgemäße Mode in einer tollen Qualität zu machen, in der sich die Menschen gut fühlen und die trotzdem bezahlbar ist.
Nachhaltigkeit haben wir als selbstverständlich vorgelebt – nach dem Motto „Nachhaltig sind wir sowieso.“ Wir wollten Nachhaltigkeit nicht unbedingt in den Vordergrund bringen. Aus Marketingsicht war das vielleicht ein bisschen doof. Andererseits haben wir dadurch im Wholesale auch Kunden erreicht, die wir mit einem klassischen Nachhaltigkeitsauftritt wahrscheinlich nie bekommen hätten.
Wir sehen uns deshalb bis heute als Modemarke, die für Zeitgeist steht. Keine Trendsetter, aber am Puls der Zeit. Gleichzeitig denken wir natürlich an die Wertschöpfungskette und die Menschen, die daran beteiligt sind.
Nachhaltigkeit haben wir als selbstverständlich vorgelebt – nach dem Motto „Nachhaltig sind wir sowieso.“ Wir wollten Nachhaltigkeit nicht unbedingt in den Vordergrund bringen. Heiko Wunder – Gründer von wunderwerk
Nachhaltigkeit war für euch also von Anfang an eher eine Selbstverständlichkeit als ein Marketing-Tool?
Genau. Ich war sechs oder sieben Jahre lang fast jeden Monat in Fernost unterwegs: Indien, Pakistan, Bangladesch, China, Vietnam, Indonesien. Wenn man dort unterwegs ist, sieht man, unter welchen Bedingungen teilweise produziert wird. Jeder Produktmanager oder Brandmanager, der solche Produktionsstätten besucht, weiß das.
Ich konnte nie verstehen, dass bestimmte Zustände einfach hingenommen werden. Nur weil etwas bei uns verboten ist, können wir doch nicht sagen: Damit haben wir unsere Verantwortung erfüllt; was anderswo passiert, ist deren Sache. Das finde ich heuchlerisch. Viele wissen sehr genau, was passiert, und trotzdem wird zu wenig gemacht.
Nur weil etwas bei uns verboten ist, können wir doch nicht sagen: Damit haben wir unsere Verantwortung erfüllt; was anderswo passiert, ist deren Sache. Das finde ich heuchlerisch. Viele wissen sehr genau, was passiert, und trotzdem wird zu wenig gemacht. Heiko Wunder – Gründer von wunderwerk
Düsseldorf wird als Modestadt vor allem mit Luxus und der Kö verbunden. Warum ist die Stadt trotzdem ein guter Standort für eine Marke wie wunderwerk?
Die Menschen fahren gezielt zum Einkaufen hierher. Das halbe Ruhrgebiet kommt nach Düsseldorf. Dazu kommen viele Veranstaltungen und Gastronomie-Angebote. Das macht die Stadt unglaublich attraktiv.
Gleichzeitig sehen wir gerade, dass viele Menschen gerade bei Schuhen und Kleidung tatsächlich verzichten. Interessant ist, dass andere Dinge massiv teurer geworden sind und diese Preissteigerungen akzeptiert werden. Kleidung ist längst nicht im gleichen Maße teurer geworden.
Wir haben unsere Preise beispielsweise in fünf Jahren vielleicht um fünf Prozent erhöht. Aber irgendwann ist nun mal für uns eine Grenze erreicht. Eine Hose für 149 Euro kann man schlecht noch teurer machen. Da gehen Menschen irgendwann nicht mehr mit.
Gerade jüngere Menschen sind allerdings mit einem völlig anderen Preisgefühl für Mode aufgewachsen. Merkst du das?
Auf jeden Fall. Wenn man an die heutigen 25-Jährigen denkt: Die waren vor zehn Jahren 15 und konnten bei Primark für den Preis einer Jeans teilweise ein ganzes Outfit kaufen. Für sie ist dieses Preisniveau normal geworden.
Ich habe selbst einen 13-jährigen Sohn und eine 16-jährige Tochter. Jugendliche gehen irgendwann mit Freunden shoppen, probieren sich aus und wollen mehr als nur ein T‑Shirt kaufen. Sie wollen einen ganzen Look. Bei bestimmten Anbietern können sie sich das mit ihrem Taschengeld leisten.
Gleichzeitig gibt es natürlich auch das Gegenteil. Viele unserer Kunden waren noch nie bei Primark und wollen dort auch gar nicht einkaufen.
Jugendliche gehen irgendwann mit Freunden shoppen, probieren sich aus und wollen mehr als nur ein T-Shirt kaufen. Sie wollen einen ganzen Look. Bei bestimmten Anbietern können sie sich das mit ihrem Taschengeld leisten. Heiko Wunder – Gründer von wunderwerk
Die Regulierung rund um Nachhaltigkeitsclaims wird strenger. Ist das für glaubwürdig arbeitende Marken eher Belastung oder Chance?
Wenn man ehrlich arbeitet, glaube ich, ist es eher eine Chance. Greenwashing, wie es über viele Jahre betrieben wurde, wird schwieriger. Dafür sorgen nicht nur gesetzliche Regeln, sondern auch Medien, Influencer und andere Kanäle, die solche Aussagen heute stärker hinterfragen.
Natürlich schärfen auch wir unsere Außenkommunikation. Aber ich finde die Entwicklung grundsätzlich gut.
Ein gutes Beispiel ist Denim. Da wird etwa damit geworben, dass eine Jeans bei der Herstellung besonders wenig Wasser verbraucht. Natürlich ist Wasserverbrauch wichtig. Aber die entscheidende Frage lautet doch auch: Was passiert mit diesem Wasser? Welche Chemikalien werden eingesetzt? Ist es anschließend kontaminiert?
Wenn eine Jeans weniger Wasser verbraucht, dieses Wasser hinterher aber Sondermüll ist, muss man die gesamte Rechnung betrachten. Einzelne Kennzahlen herauszugreifen und daraus eine Nachhaltigkeitsaussage abzuleiten, finde ich problematisch.
Wenn du wunderwerk heute noch einmal gründen würdest: Was würdest du anders machen?
Ich glaube, ich würde tatsächlich vieles ähnlich machen. Natürlich gibt es Dinge, die ich heute anders angehen würde. Vor allem auf Strukturen und Kontrolle würde ich stärker achten.
Heute gibt es technische Möglichkeiten, die wir damals überhaupt nicht hatten. Viele Tools ermöglichen deutlich mehr Kontrolle, ohne dass der Zeitaufwand entsprechend wächst.
Am Produkt selbst würde ich dagegen wahrscheinlich wenig ändern. Ich komme ursprünglich eher aus dem Luxussegment. Als ich wunderwerk gegründet habe, war mir wichtig, hochwertige Produkte zugänglicher zu machen. Und ich wollte zeigen, dass nachhaltiger produzierte Mode genauso gut aussehen kann wie konventionelle Mode. Das würde ich heute wieder genauso machen.
Du bist in Düsseldorf geboren und inzwischen wieder in Friedrichstadt beziehungsweise Unterbilk zu Hause. Wo zeigt die Stadt für dich ihre spannendere Seite jenseits der Kö?
Meine Großeltern haben mehr als 50 Jahre auf der Lorettostraße gewohnt. Ich bin in der Gegend also mehr oder weniger mit aufgewachsen. Seit ich wieder hier wohne, entdecke ich das Viertel noch einmal ganz neu.
Die Lorettostraße, die Brunnenstraße, die Bilker Allee oder die Gegend rund um die Aachener Straße finde ich unglaublich spannend. Gerade die Brunnenstraße zeigt, wie positiv sich ein Viertel verändern kann. Erst sind die Mieten vergleichsweise günstig, kreative Menschen kommen, eröffnen besondere Orte und plötzlich beginnt ein ganzes Viertel zu leben.
Als Düsseldorfer fährt man manchmal nach Hamburg oder in andere Städte und denkt: „Boah, ist das alles toll.“ Dabei übersieht man, was direkt vor der eigenen Haustür passiert.
12 August 2026
12 August 2026
26 Juni 2026