23 April 2026
Warum die Fashion Revolution Week 2026 ein Weckruf ist, den wir nicht ignorieren dürfen
- Greenwashing
- Wiederverwertung
Das stille Comeback der Modeproduktion im eigenen Land
Hast du schon mal das Etikett in deinem Lieblingshemd angeschaut und dich gefragt, wo es eigentlich hergestellt wurde? Wenn du in Deutschland einkaufst, lautet die Antwort mit ziemlicher Sicherheit: „Nicht hier.“ Doch das beginnt sich langsam, beharrlich und mit viel Herzblut zu ändern.
Deutschland war einst eine der Textilgroßmächte Europas. Heute gibt es nur noch eine Handvoll unabhängiger Labels, die ihre Kleidungsstücke innerhalb Deutschlands zuschneiden, nähen und fertigstellen. Bei COSH! haben wir uns auf die Suche nach ihnen gemacht, und was wir gefunden haben, ist eine Geschichte von Durchhaltevermögen, Handwerkskunst und einer ganz anderen Vorstellung davon, was Mode sein kann.
Heute ist es kaum noch vorstellbar, doch die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie erlebte bis weit in die 1960er Jahre hinein einen Boom. Städte wie Krefeld, Augsburg, Chemnitz und Bielefeld galten als Synonyme für Weberei, Färberei und Bekleidungsproduktion. Im Ruhrgebiet und in Sachsen liefen die Fabriken auf Hochtouren. Nach Untersuchungen der Cambridge University Press erreichten die inländische Produktion und die Beschäftigung Ende der 1950er Jahre ihren Höhepunkt, bevor ein langer und dramatischer Niedergang einsetzte. (Quelle: Cambridge University Press – Business History Review, 2019)
Was ist passiert? Die kurze Antwort: Globalisierung. Ab den 1970er Jahren begannen deutsche Hersteller, ihre Produktion in Niedriglohnländer auszulagern: zunächst nach Süd- und Osteuropa, dann zunehmend nach Asien. Das Multifaserabkommen, das jahrzehntelang den weltweiten Textilhandel geregelt hatte, lief 2005 aus. Danach stiegen die Importe von Textilien und Bekleidung aus China laut einer von textile-network.com veröffentlichten Analyse der Textilindustrie zwischen 2005 und 2011 um über 126 %. (Quelle: textile-network.com – Textile and Clothing in Germany)
Die Zahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild. Laut der Studie „Status der deutschen Mode 2021“ des Fashion Council Germany ging die Produktionsleistung bei Bekleidung und Schuhen in Deutschland zwischen 1980 und 2020 (inflationsbereinigt) um 91 % zurück. Im Jahr 2019 gaben deutsche Verbraucher 76 Milliarden Euro für Bekleidung und Schuhe aus, doch nur etwa 5 % davon stammten aus heimischer Produktion. (Quelle: FashionUnited – Global Fashion Industry Statistics: Germany)
Die Gründe reichen tiefer; es geht nicht nur um billigere Arbeitskräfte im Ausland. Deutschlands Schwerpunkt verlagerte sich auf technische Textilien, etwa auf Materialien für Autos, medizinische Geräte und industrielle Anwendungen. Dieser Sektor erwirtschaftet mittlerweile einen Jahresumsatz von rund 13 Milliarden Euro. Die Modeproduktion hingegen wurde zunehmend schwerer aufrechtzuerhalten. Steigende Energiekosten, ein Mangel an qualifizierten Näherinnen und Schneidern sowie der enorme Preisdruck durch Fast Fashion machten es für kleine Modehersteller fast unmöglich, im Wettbewerb zu bestehen.
Im Jahr 2023 zählte der Branchenbericht der Première Vision nur noch 490 Modeunternehmen und 910 Textilunternehmen in Deutschland, die meisten davon kleine oder mittlere Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern. Mehr als 90 deutsche Textil- und Modeunternehmen meldeten im selben Jahr Insolvenz an, darunter bekannte Namen wie Gerry Weber, Hallhuber und Teile der Galeria Karstadt Kaufhof-Gruppe. (Quelle: Première Vision – Special Report Germany)
Das Ergebnis? Eine Situation, in der zwar ein Teil der in Deutschland verkauften Kleidung hier entworfen, aber Tausende von Kilometern entfernt genäht wird. Das Wissen darüber, wie man Kleidung tatsächlich herstellt, vom Zuschneiden über die Größenanpassung bis hin zum Nähen, ist nach und nach verloren gegangen.
Hier wird es interessant. Auch wenn das Gesamtbild düster wirkt, tut sich an der Basis etwas. Laut der IBISWorld-Analyse zur deutschen Bekleidungsindustrie für das Jahr 2025 haben einige Unternehmen begonnen, Teile ihrer Produktion wieder nach Deutschland zurückzuverlagern, wobei sie die höhere Produktqualität und den Mehrwert der lokalen Fertigung als Gründe anführen. (Quelle: IBISWorld – Clothing Manufacturing in Germany, 2025)
Eine neue Generation von Designer:innen und Hersteller:innen entscheidet sich für die lokale Produktion. Nicht, weil es einfach oder billig ist, sondern weil es ihren Werten entspricht. Sie arbeiten mit kleinen Ateliers zusammen, verwenden Restbestände an Stoffen, produzieren auf Bestellung und halten ihre Lieferketten kurz und transparent. Sie versuchen nicht, preislich mit der Fast Fashion zu konkurrieren. Sie bieten etwas ganz anderes: Kleidungsstücke mit einer Geschichte, hergestellt von Menschen, die man tatsächlich kennenlernen könnte.
Auch die EU-Gesetzgebung sorgt für zusätzlichen Schwung. Das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) schreibt ab 2025 die getrennte Sammlung von Textilabfällen vor. Die von der EU vorgeschlagene Verordnung zur Kennzeichnung von Textilien sowie die Anforderungen an den digitalen Produktpass treiben die gesamte Branche zu mehr Transparenz an. Für kleine, lokal produzierende Marken ist dies ein Vorteil. Sie wissen bereits genau, woher ihre Materialien stammen und wer ihre Kleidung hergestellt hat.
Wir bei COSH! sind stolz darauf, Marken und Geschäfte vorzustellen, die das Textilhandwerk in Deutschland am Leben erhalten. Hier sind acht Marken, die beweisen, dass „Made in Germany“ in der Modebranche nicht nur ein nostalgisches Label ist, sondern eine lebendige Bewegung.
Das in Aachen ansässige Label sweersocean entwirft in kleinen Auflagen Mode nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft, die im Schneideratelier Stitch by Stitch in Frankfurt hergestellt wird, einem Sozialunternehmen, in dem Handwerkskunst und soziale Integration Hand in Hand gehen. Die Gründerin und Designerin greift auf ihren Hintergrund im internationalen Sport- und Modedesign zurück, um vielseitige Kleidungsstücke zu entwerfen, die sich sowohl für das Stadtleben als auch für Ausflüge in die Natur eignen. Die Marke arbeitet mit Restbeständen aus Italien und Frankreich, mit Naturfasern und innovativen Mischgeweben. Ein Secondhand-Shop und ein Rückgabe- und Reparaturservice sorgen dafür, dass die Kleidungsstücke länger im Umlauf bleiben, während Bestellungen in plastikfreien Kartons aus Grasfasern versandt werden.
Seit 2003 entwirft die Designerin Bärbel Leyk poetische Kleidungsstücke, die von Literatur und Philosophie inspiriert sind. Ihre POEM-Kollektionen zeichnen sich durch gestickte Zitate und subtile literarische Details aus, etwa in der „Ringelnatz“-Serie. bellaLEYK verwendet Baumwolle, die ohne schädliche Pestizide angebaut wird, und produziert ausschließlich auf Bestellung in Zusammenarbeit mit einer lokalen Schneiderin und einer kleinen Werkstatt in Baden-Württemberg. Hier gibt es keine saisonalen Kollektionen, sondern nur durchdachte Neuzugänge und Einzelstücke, wobei auf Wunsch individuelle Längen und Stickfarben erhältlich sind. Reparaturservices und plastikfreie Verpackungen runden das Angebot ab.
Pieke & Fein ist teils Laden, teils Atelier, teils Kulturort und vor allem ein kreativer Raum. Gründerin Christina leitet mit Expertise und bringt dabei ihre Erfahrung im Bühnen- und Kostümdesign sowie im Upcycling ein. Das Sortiment umfasst farbenfrohe Taschen des hauseigenen Labels Siebenberge Manufaktur (aus alten Werbebannern gefertigt) sowie Marken, die mit wiederverwerteten Segeln, Zero-Waste-Strickwaren und lokal hergestellten Decken arbeiten. Christina veranstaltet Workshops zum Textil-Upcycling und zur Kunst sowie Lesungen und Konzerte. Mit einem Einkauf hier unterstützt man lokale Hersteller:innen, die Materialien ein zweites Leben schenken.
Im Hamburger Karolinenviertel betreibt Gründerin Bettina Schmutz „Jede Studio“, eine größeninklusive Marke für Frauen, die maßgeschneiderte Kleidung aus IVN Best- und Fair-for-Life-zertifizierten Stoffen herstellt. Jedes Stück wird direkt im Atelier hergestellt, wobei der Fokus auf Transparenz entlang der gesamten Lieferkette liegt. Stoffreste werden zu Haargummis, Kissenbezügen und handgewebten Einkaufstaschen verarbeitet, wodurch Abfall minimiert wird. Ein Reparaturservice trägt dazu bei, die Lebensdauer jedes Kleidungsstücks zu verlängern. Jede Studio ist der Beweis dafür, dass Mode jede Körperform einbeziehen kann, ohne dabei ihre Werte zu vernachlässigen.
In ihrem Atelier in Berlin-Moabit entwirft die autodidaktische Künstlerin und Fotografin Ashley Jones seit 2016 die Marke KAYA. Mit ihrem Label zelebriert sie Mode jenseits von Geschlechtergrenzen. Die Kollektion umfasst lässige, unisex und einheitsgroße Kleidungsstücke wie Wendejacken, Oversize-Hosen und Patchwork-Oberteile, die alle von Ashley in Handarbeit aus Restbeständen an Baumwolle, Leinen und Wolle sowie aus innovativen, in Deutschland bezogenen Stoffen gefertigt werden. Jedes Stück wird auf Bestellung gefertigt; jedes Kleidungsstück ist ein Kunstwerk. Stoffreste werden zu einzigartigen Patchwork-Kreationen, und alte Kartons dienen als Versandmaterial. Auch Reparaturen werden angeboten, damit dein Lieblingsstück von KAYA so lange wie möglich bei dir bleibt.
Das Frankfurter Label ALEXANDRA SVENDSEN wurde von Alexandra Svendsen, deren dänische Wurzeln die klare, skandinavische Ästhetik inspirieren, gegründet. Es fertigt farbenfrohe Ledertaschen und Accessoires vollständig in Deutschland, wobei 95 % der Materialien aus heimischer Produktion stammen. Das bio-zertifizierte Rindsleder stammt aus dem Allgäu und wird aus Fleischresten der Fleischproduktion gewonnen, sodass keine Tiere speziell für die Ledergewinnung gezüchtet werden. Mit einem Zero-Waste-Ansatz und austauschbaren Riemen für vielseitige Stylingmöglichkeiten verbindet die Marke minimalistisches Design mit handwerklicher Kunstfertigkeit. Jedes Lederprodukt hat ein einzigartiges Aussehen, das seine natürliche Herkunft widerspiegelt.
Verspielt, farbenfroh und alles andere als gewöhnlich: PURSIK.boxers fertigt geschlechts- und größenneutrale Boxershorts und Hosen aus hochwertigen Restbeständen an Hemdenstoffen, darunter auch Rollen aus italienischen Webereien. Die Produktion erfolgt in einer kleinen, von Frauen geführten Schneiderei in Wassenberg am Niederrhein. Jedes Stück wird aus natürlichen Materialien wie Baumwolle oder Leinen gefertigt, vorgewaschen und ist sofort tragbar. Da PURSIK Stoff-Restbestände verwendet, ist jedes Teil oft ein echtes Unikat. Eine verspielte Interpretation von Unterwäsche und Loungewear, die perfekt brauchbare Stoffe vor der Vernichtung bewahrt.
Was als Kindheitshobby begann, hat sich zu einem kleinen Unternehmen entwickelt, das ihr am Herzen liegt: Studio Orf. Seit 2015 häkelt Gründerin Nicola Taschen, Körbe, Haargummis und Lifestyle-Accessoires aus Secondhand-Garn, das sie auf Flohmärkten, in Secondhand-Läden und aus privaten Spenden bezieht. Auch ungetragene Kleidung wird in stilvolle Häkelstücke verwandelt. Nicola ist regelmäßig auf lokalen Märkten und Veranstaltungen in Düsseldorf vertreten und bietet Häkelworkshops für Anfänger und Fortgeschrittene an, um das Handwerk am Leben zu erhalten. Jedes Stück von Studio Orf schenkt gebrauchten Materialien ein farbenfrohes neues Kapitel.
Warum „Made in Germany“ wichtiger ist, als man denkt
Um es klar zu sagen: Der Kauf lokal produzierter Mode macht ein Kleidungsstück nicht automatisch „besser“ oder „nachhaltiger“. Das hängt von den jeweiligen Materialien, Herstellungsverfahren und Arbeitsbedingungen ab. Die Entscheidung für Marken, die in Deutschland produzieren, bietet jedoch einige konkrete Vorteile, die es zu berücksichtigen gilt.
Kurze Lieferketten bedeuten weniger Transportemissionen und mehr Kontrolle über die Arbeitsbedingungen. Deutschlands strenge Arbeitsgesetze, darunter Mindestlohn, Arbeitsschutzstandards und Sozialversicherungsschutz, gelten für alle oben genannten Ateliers und Werkstätten. Und wenn eine Marke dir den Namen und den Standort der Person nennen kann, die deine Jacke genäht hat, ist dieses Maß an Rückverfolgbarkeit etwas, das kein Zertifizierungslabel allein ersetzen kann.
Am wichtigsten ist vielleicht, dass jeder Kauf bei einem lokal produzierenden Label dazu beiträgt, textile Fertigkeiten und handwerkliches Wissen zu bewahren, die seit Jahrzehnten im Verschwinden begriffen sind. Dabei handelt es sich nicht nur um Arbeitsplätze, sondern auch um kulturelles Erbe.
Neugierig auf Mode, die in deiner Nähe hergestellt wird? Die acht oben genannten Marken und Geschäfte sind ein guter Ausgangspunkt. Bei COSH! helfen wir dir dabei, herauszufinden, wer deine Kleidung herstellt, wo und wie. Damit du Entscheidungen treffen kannst, die sich gut anfühlen und Gutes bewirken.
Entdecke auf cosh.eco weitere Labels und Geschäfte, die in Deutschland herstellen, und finde die Menschen hinter der Mode, die du trägst.
Was ist mit der deutschen Textilindustrie passiert?
Deutschland war bis Ende der 1950er Jahre ein bedeutender Textilproduzent; danach verlagerte sich die Produktion zunehmend in Länder mit niedrigeren Löhnen. Nach Angaben des Fashion Council Germany ging die Produktionsleistung für Bekleidung und Schuhe zwischen 1980 und 2020 um 91 % zurück. Heute werden nur noch etwa 5 % der in Deutschland verkauften Bekleidung im Inland hergestellt. Technische Textilien sind jedoch nach wie vor ein starker Sektor, der jährlich rund 13 Milliarden Euro erwirtschaftet.
Gibt es noch Modemarken, die ihre Kleidung in Deutschland herstellen?
Ja, eine wachsende Zahl unabhängiger Labels lässt ihre Kleidung und Accessoires in Deutschland produzieren. Dazu gehören unter anderem Marken wie sweersocean (Aachen/Frankfurt), bellaLEYK (Baden-Württemberg), Jede Studio (Hamburg) und KAYA (Berlin). Sie arbeiten in der Regel mit kleinen lokalen Ateliers zusammen, produzieren in limitierten Stückzahlen und verwenden Materialien wie Restbestände an Stoffen, Bio-Baumwolle oder Leder aus lokaler Herkunft.
Erlebt die Textilindustrie in Deutschland ein Comeback?
Es gibt Anzeichen für eine leichte Erholung, insbesondere bei kleinen und mittleren Marken. Laut der Branchenanalyse von IBISWorld für 2025 haben einige deutsche Unternehmen Teile ihrer Produktion aus Gründen der Qualität und der Rückverfolgbarkeit wieder nach Deutschland verlagert. Auch die EU-Vorschriften zur Transparenz in der Textilbranche sowie die Anforderungen der Kreislaufwirtschaft schaffen Rahmenbedingungen, die eine lokale, rückverfolgbare Produktion begünstigen. Ein groß angelegtes Reshoring findet jedoch nach wie vor nur in begrenztem Umfang statt.
Warum ist es wichtig, wo meine Kleidung hergestellt wird?
Der Produktionsstandort beeinflusst Transportemissionen, Arbeitsbedingungen und die Transparenz der Lieferkette. In Deutschland hergestellte Kleidung unterliegt den strengen Arbeits- und Umweltvorschriften des Landes. Die lokale Produktion trägt zudem dazu bei, das seit Jahrzehnten im Rückgang befindliche textile Handwerk zu bewahren. Allerdings entscheidet der Produktionsstandort allein nicht darüber, ob ein Kleidungsstück verantwortungsvoll hergestellt wurde; auch Materialien, Verfahren und Zertifizierungen spielen eine Rolle.
Wie finde ich Mode, die in Deutschland hergestellt wird?
COSH! ist eine Entdeckungsplattform, die dir dabei hilft, Geschäfte und Marken zu finden, die sich für verantwortungsbewusstere Praktiken einsetzen, darunter auch solche, die lokal in Deutschland produzieren. Auf cosh.eco kannst du nach Stadt, Marke oder Kategorie stöbern. Jede Markenseite enthält Details zu Materialien, Produktionsstandort und Zertifizierungen, sodass du genau sehen kannst, woraus die Kleidung besteht, die du in Betracht ziehst.
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