14 Januar 2026
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Cradle to Cradle in der Textilpraxis: Im Gespräch mit Heike Schnell von Wellicious
In vielen Branchen werden Produkte noch immer nach einem linearen Prinzip hergestellt. Rohstoffe werden gewonnen, verarbeitet, genutzt und anschließend entsorgt. Dieses Modell führt zu wachsenden Abfallmengen, einem hohen Ressourcenverbrauch und einer zunehmenden Belastung von Umwelt und Ökosystemen. Hier setzt Cradle-to-Cradle an.
Cradle-to-Cradle-zertifizierte Produkte werden so gestaltet, dass die verwendeten Materialien nach der Nutzungsphase als biologische oder technische Nährstoffe in Kreisläufen weitergeführt werden können und nicht als Abfall enden.
Um besser zu verstehen, was ein konsequent zirkulärer Ansatz in der Textilpraxis bedeutet, haben wir mit der Gründerin Heike Schnell von Wellicious, einem Yoga- und Activewear Label, gesprochen. Das Gespräch zeigt, wie sich Kreislauffähigkeit in frühen Design- und Materialentscheidungen entscheidet und welche strukturellen, technischen und wirtschaftlichen Grenzen dabei sichtbar werden.
Wellicious zählt zu den frühen Akteuren im Bereich kreislauforientierter Yoga- und Activewear. Nach mehreren Jahren Forschung entwickelte Wellicious eigene kreislauffähige Materiallösungen und relaunchte die Marke 2022 mit einer vollständig Cradle-to-Cradle-zertifizierten Kollektion. Heute sind alle Produkte Cradle to Cradle Certified® Gold, mit Platinum-Auszeichnung im Bereich Materialgesundheit. Die Lieferkette umfasst zertifizierte Partner in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Bulgarien. Wellicious betreibt ein Rücknahmesystem für ausgediente Produkte und bietet ergänzend Reparaturmöglichkeiten an, um die Nutzungsdauer der Textilien zu verlängern.
Das Produkt soll so sein, dass du es theoretisch eingraben kannst und keine Schadstoffe zurückbleiben. [...] Wir haben sechs Jahre gebraucht, um die Produkte auf den Markt zu bringen. Heike Schnell, Gründerin von Wellicious
Cradle to Cradle unterscheidet zwischen zwei getrennten Kreisläufen, in denen Materialien zirkulieren sollen. Diese Trennung ist entscheidend, um Materialeigenschaften zu erhalten und Fehlströme zu vermeiden.
Der technische Kreislauf ist für Materialien vorgesehen, die nicht biologisch abgebaut werden können, wie recycelbares Polyester, Polyamid oder andere synthetische Fasern. Produkte, die diesem Kreislauf zugeordnet sind, müssen so gestaltet sein, dass sie am Ende ihrer Nutzung zerlegt, sortiert und erneut weiterverarbeitet werden können. Ziel ist es, die Materialien über viele Nutzungszyklen hinweg als sogenannte technische Nährstoffe zu erhalten, ohne dass es zu wesentlichen Qualitätsverlusten kommt.
Aber entscheidend ist nicht nur das Material selbst, sondern auch, wie es verarbeitet wird und was nach der Nutzung damit passiert. Damit beispielsweise recycelbares Polyester oder Polyamid im technischen Kreislauf bleiben können, dürfen sie keine problematischen Zusatzstoffe enthalten, müssen im Produkt klar erkennbar und trennbar sein und idealerweise Teil eines funktionierenden Rücknahme- oder Recyclingsystems werden. In vielen Sportartikeln ist Polyamid mit anderen Materialien verklebt oder beschichtet, sodass eine Weiterverwertung kaum möglich ist. In diesen Fällen wird das Potenzial des technischen Kreislaufs nicht genutzt.
Dein Kleidungsstück zersetzt sich nicht im Kleiderschrank, dafür brauchst du Erde, Feuchtigkeit und Mikroorganismen. Heike Schnell, Gründerin von Wellicious
Zum biologischen Kreislauf zählen Materialien, die nach ihrer Nutzung wieder Teil natürlicher Systeme werden können. Voraussetzung ist, dass sie keine schädlichen Stoffe enthalten und sich unter geeigneten Bedingungen abbauen lassen. Nach dem Gebrauch sollen sie sich zersetzen und als Nährstoffe in natürliche Stoffkreisläufe zurückfließen.
Wellicious verwendet beispielsweise GOTS-zertifizierte Bio-Baumwolle in Kombination mit einer Cradle to Cradle Platinum zertifizierten Elasthanfaser.
Ein Cradle to Cradle zertifiziertes Produkt muss fünf strenge Standards erfüllen:
Recycling setzt in der Regel am Ende des Produktlebens an. Ein Produkt wird genutzt, anschließend gesammelt, sortiert und die enthaltenen Materialien werden – soweit technisch und wirtschaftlich möglich – wiederaufbereitet. Ziel ist es, Primärrohstoffe zu ersetzen und Abfallmengen zu reduzieren. In der Praxis ist Recycling jedoch häufig mit Qualitäts– oder Materialverlusten und dem Eintrag von Schadstoffen verbunden. Zudem sind viele Produkte nicht für Recycling ausgelegt, was eine hochwertige Verwertung erschwert oder unmöglich macht, mit der Folge, dass weltweit bislang lediglich rund 1 % der Textilien tatsächlich recycelt werden.
Cradle to Cradle hingegen ist in erster Linie ein Design- und Systemansatz, der vor der Herstellung ansetzt. Produkte sollen von Beginn an so gestaltet werden, dass ihre Materialien nach der Nutzung gezielt und vollständig in biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. Recycling ist dabei nur eine von mehreren möglichen Formen der Weiternutzung im technischen Kreislauf. Entscheidend ist nicht die möglichst effiziente Verwertung von Abfällen, sondern die Vermeidung von Abfall im System durch eine konsequente Kreislaufführung. Wie Heike Schnell von Wellicious deutlich macht, erfordert Cradle to Cradle eine bewusste Festlegung zu Beginn der Produktentwicklung, da Materialauswahl, Verarbeitungstechniken und Lieferketten von Anfang an auf die spätere Rückführung ausgerichtet sein müssen.
Produktion und Konsum sind nach wie vor darauf ausgerichtet, Kosten zu minimieren und Absatz zu maximieren, während die Folgekosten von Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und Schadstoffeinträgen meist ausgelagert werden. Materialien verlieren dadurch schnell ihren Wert, sobald ein Produkt das Ende seiner Nutzung erreicht hat.
Innerhalb des Systems, das auf kurzfristige Nutzung und lineare Wertschöpfung ausgelegt ist, werden Materialien gemischt, verklebt oder chemisch behandelt, ohne dass ihre spätere Rückführung mitgedacht wird. Dadurch entstehen komplexe Abfallströme, die nur mit hohem Aufwand oder gar nicht mehr hochwertig verwertet werden können.
Cradle to Cradle optimiert nicht nur einzelne Produkte, sondern hinterfragt die Logik der Wertschöpfung. Statt Ressourcen als Verbrauchsgüter zu behandeln, werden Materialien als dauerhaft nutzbare Bestandteile eines Systems verstanden. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Umdenken entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Design und Materialauswahl über Geschäftsmodelle bis hin zu Rücknahme- und Nutzungssystemen.
Statt nachträglich Schäden zu begrenzen, verschiebt sich der Fokus damit auf die Frage, wie Produkte von Anfang an in funktionierende Rückführungs- und Nutzungssysteme eingebettet werden können.
Bereits kleinste Verunreinigungen, etwa Polyesterpartikel an Nähmaschinen, können dazu führen, dass ein Produkt nicht mehr sicher in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden kann. Heike Schnell, Gründerin von Wellicious
Laut Heike Schnell von Wellicious können bereits geringfügige Verunreinigungen, etwa durch Polyesterpartikel in der Produktionsumgebung, dazu führen, dass ein Produkt nicht mehr zuverlässig in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden kann. Kreislauffähigkeit ergibt sich damit nicht allein aus der Wahl geeigneter Materialien, sondern aus einem durchgängigen Zusammenspiel von Gestaltung und Prozesskontrolle entlang der gesamten Produktionskette.
Dazu zählen klar definierte Arbeitsabläufe, getrennte Produktionsumgebungen, sowie die Auswahl und Abstimmung von Zulieferern und Partnern. Cradle to Cradle verlangt in diesem Sinne ein hohes Maß an Konsequenz und Koordination und geht damit deutlich über klassische Designentscheidungen hinaus.
Die Umsetzung von Cradle to Cradle setzt ein hohes Maß an Transparenz, Kontrolle und Abstimmung voraus. Insbesondere die detaillierten Anforderungen an Materialanalysen, Dokumentation und regelmäßige externe Prüfungen führen zu einem erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Die Umsetzung von Cradle to Cradle-zertifizierten Produkten stellte auch Wellicious vor Herausforderungen. Lange Entwicklungszeiten und eine begrenzte Auswahl geeigneter Materialien und Zulieferer erschweren eine schnelle Skalierung.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von funktionierender Infrastruktur. Cradle to Cradle setzt voraus, dass Materialien nach der Nutzung tatsächlich in geeignete biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden können.
Sustainability ist eine Evolution. Heike Schnell, Gründerin von Wellicious
Cradle to Cradle zeigt, dass Kreislauffähigkeit das Ergebnis bewusster Entscheidungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus ist und wie eng Design, Materialwahl, Prozesse und Systeme miteinander verknüpft sind.
Die Zertifizierung macht sichtbar, wie heutige Entscheidungen langfristige Wirkungen entfalten können, auch vor dem Hintergrund, dass sich Anforderungen, Standards und Bewertungsrahmen weiterentwickeln werden. Dabei bleiben Langlebigkeit, Reparatur, Abfallvermeidung und Recycling zentrale Konstanten.
Weitere Informationen zu Wellicious’ Umsetzung des Cradle-to-Cradle-Ansatzes findest du hier.
14 Januar 2026
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